König der Spielleute, Troubadour

Adenet le Roi: König der Spielleute

Von dem Dichter Adenet le Roi (1240 – 1300)1a sind uns vier Werke überliefert. Der gebürtige Brabanter (Flandern)1b stand unter dem Schutz (und somit auch der Pflicht) der beiden Herzöge Heinrich III. und Johann I. von Brabant. Spätestens ab 1269 befand er sich am Hof des Grafen Gui de Dampierre von Flandern.3aa Uneins ist man sich darüber, ob Adenet le Roi den Grafen beim Kreuzzug 1270 begleitete und man ist sich auch nicht darüber einig, ob der Troubadour bei der Hochzeit von Marie von Brabant und Philipp dem Kühnen in Paris anwesend war. Hingegen ist man sich über die Reisen mit dem Grafen nach Sizilien und Italien einig, manch einer geht davon aus, dass Adenet le Roi bis nach Litauen gekommen ist.

Getrost ist davon auszugehen, dass Adenet le Roi tatsächlich nicht mehr als vier Werke verfasst hat und das als Troubadour, wollte man doch ein gewisses Ansehen in seiner Zunft durch möglichst viele Lieder gewinnen. Andererseits war die Blütezeit der Troubadourlyrik überschritten, Adenet le Roi gehört der Spätphase an. In der Spätphase tingelte man nicht mehr so häufig von Hof zu Hof. Und doch muss er schon zur damaligen Zeit sich einen gewissen Ruf erarbeitet haben, denn man nannte ihn auch „König der Spielleute“ (roi = König) 1c. Dass er tatsächlich nur vier Werke hinterlassen hat, dafür liefert er uns selber ein starkes Argument; dazu später mehr.

Oho! Vier Werke

Die vier überlieferten Werke beruhen allesamt auf Vorlagen, demnach hat Adenet le Roi nichts eigenständiges geschrieben. Das war zu seiner Zeit jedoch nichts Ungewöhnliches, man denke nur an die Artusromane von Chretien de Troyes.
     Alle vier Werke gehören der Gattung „dit“ an, eine Mischung aus Versen und Erzählung.

„L’Enfance d’Ogier le Danois“

Bei diesem dit dient dem König der Spielleute die Vorlage „Chansons de Geste“ aus dem Sagenkreis des 13. Jahrhunderts, zusammengefasst von Conrad von Stöffler unter dem fiktiven Namen „Garin de Monglane“.
     Es handelt sich um die dänische Legende von Ogier (dänisch: Holger), der den Sohn von Karl dem Großen erschlagen haben soll, deshalb als Geisel an seinem Hof gehalten wurde. Ogier bewährt sich am Hof Karl dem Großen, darf deshalb an der kriegerischen Auseinandersetzung mit den Sarazenern teilnehmen. Nach seiner Hochzeit mit einer Heidin schließen Karl der Große und Ogier Frieden.
     Der Epos besteht aus 8.229 Zehnsilbern. Nach der Veröffentlichung wurde dieses Werk mehrmals bearbeitet und auch in Italien ging es in die Literatur- und Musikgeschichte ein.4aa 

Berte aus grans piés“

Comic, moderne Kunst, Aquarell,
Adenet le Roi І © Claudia Bröcher

Man vermutet, dass Adenet le Roi die Verserzählung „Berte aus grans piés“ um 1272 niedergeschrieben hat. Darin wird die Vermählung von der Königstochter von Bertha und dem französischen König Pippin beschrieben, doch die erste Nacht hat für die Tochter große Folgen. Eine Dienerin möchte anstelle der Königstochter ihre eigene Tochter platzieren, dafür setzt sie einen perfiden Plan um. Doch wie in sämtlichen Märchen, so wird auch hierin der Plan entdeckt.
     Die Verserzählung besteht aus 3.485 Alexandriner, aufgeteilt in 144 Laissen.4ab Laut dem Germanisten Ernst Tegethoff wurde die Hochzeitsnacht aus der Tristansage übernommen.5
     Auch diese Geschichte fand große Verbreitung, neben Frankreich, wurde es in Italien, Spanien und Deutschland immer wieder bearbeitet und erzählt.4ac 

„Buevon de Conmarchis“

Als Vorlage für „Buevon de Conmarchis“ diente ihm „Le Siége de Barbastre“. So wie schon bei „L’Enfance d’Ogier le Danois“ wurde auch dieser dit dem Sagenkreis von Conrad von Stöffler entnommen. Aber auch diese Sage beruht auf einer Vorlage, die von einem gewissen Ibn Haiyân zurückgeht. Es sollte nicht verschwiegen werden, dass auch Wolfram von Eschenbach Kenntnis von der Sage bzw. der historischen Überlieferung hatte, wie er in „Willehalm“ um 1217) in Strophe 42 kund tut.3ab
     In der historischen Überlieferung handelt es sich um die Belagerung durch die Sarazener von dem spanischen Ort Barbastre, die in Aragon liegt. Die Auseinandersetzungen zwischen Frankreich, Karl dem Großen und den Sarazenern ist uns vor allem durch den Epos „Rolandslied“ bekannt.
     Neben der Schilderung der kriegerischen Auseinandersetzung schreibt Adenet le Roi auch über Liebe und Verrat. „Buevon de Conmarchis“ besteht aus 3.775 Versen, unterteilt in 123 Laissen (andere bezeichnen es „Tiraden“), bestehend aus einreimigen Alexandrinern, die jeweils mit einem Sechssilber enden.3ba 

Victor Keller und andere gehen davon aus, dass der König der Spielleute dieses Werk gegen Ende des 13. Jahrhunderts schrieb und das es sich um sein vorletztes Werk handelt.

Cléomadès“

Die Verserzählung „Cléomadès“ berichtet von drei Königen, die allesamt schöne Königstöchter heiraten wollen. Um dies zu erreichen, lassen sie sich merkwürdige Gegenständige herstellen, der eine lässt eine mechanische Henne mit sechs Küken, der andere ein fliegendes Holzpferd und der dritte lässt einen Trompeter erschaffen, der jeden Verrat erkennt und es mit seinem Instrument zum Ausdruck bringen kann. Bevor die Hochzeiten stattfinden können, erleben sie allerlei Abenteuer.
     Rudolf Schenda geht davon aus, dass Adenet le Roi für das hölzerne Pferd auf ein Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ zurückgriff. Zudem sieht er eine Parallele zwischen „Yvain“ von Chretien de Troyes und der Errettung der Jungfrau.4ba
     Der Epos entstand zwischen 1275 und 1282, er besteht aus 18.688 Achtsilbern, wurde von Philippe Camus vor 1469 in einer gekürzten Prosabearbeitung veröffentlicht, die bis Ende des 16. Jahrhunderts immer wieder neue Auflagen erfuhr.4bb 

Im Prolog dieses Werkes listet der Troubadour seine bisherigen Verserzählungen auf:

Cil qui fist d‘Ogier le Danois
Et de Bertain qui fu au bois
Et de Beuvon de Commarchis
Ai un autre livre entrepris.3bb 

Obgleich die Werke von Adenet le Roi mehr oder weniger Adaptionen sind, so wirken sie dennoch weit über seinen Tod hinaus, ja, auch über die französische Grenze, wurden Bestandteile der Literaturgeschichte.

Werksübersicht:

– L’Enfance d’Ogier le Danois (Verserzählung)

um 1272: Berte aus grans piés (Verserzählung)

– Buevon de Conmarchis (Verserzählung)

um 1275: Cléomadès (Verserzählung)


Einzelnachweise:

1a, 1b, 1c: Diether Krywalski: Knaurs Lexikon der Weltliteratur. Autoren – Werke – Sachbegriffe, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes – Stuttgart – Hamburg – München 1979, S. 15

2: Vgl. K. Ed. Förstemann (Hg.): Mittheilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischer Forschungen, Bd. 5, Bureau des Thüringisch-Sächsischen Vereins und Nordhausen, Halle – 1841, S. 111

3: Vgl. Victor Keller: „Le Siége de Barbastre“ und die Bearbeitung von Adenet le Roi, Dissertation, Marburg 1875
3aa, 3ab: S. 7
3ba, 3bb: S. 8

4: Vgl. Kurt Ranke (Hg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, Bd. 1, Walter de Gruyter – Berlin – New York 1977
4aa, 4ab, 4ac: Spalte 104 f.
4ba, 4bb: Spalte 105

5: Vgl. Ernst Tegethoff: Französische Volksmärchen, Bd. 1, Eugen Diederichs Verlag – Jena 1923, S. 304 f.